Integration und Inklusion heute und in der Zukunft

Gemeinsam stark: Zwei Schüler © Sappho Beck, beta - Die Beteiligungsagentur GbR
Gemeinsam stark: Zwei Schüler an der Grundschule Am Lemmchen Mainz-Mombach © Foto: Sappho Beck

Im Fokus: Integration und Inklusion

Seit 2009 steht die inklusive Bildung besonders im Fokus, denn mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention gilt laut Artikel 24 das Recht auf gemeinsame Bildung an einer Regelschule in Deutschland. Der damit verbundene Aufbau eines inklusiven Unterrichts kann sukzessiv erfolgen. Da in Deutschland Bildung Ländersache ist, gestaltet sich die inklusive Förderung bundesweit sehr unterschiedlich. Unabhängig davon stellt sich aber die Frage: Was zeichnet integrative und inklusive Bildung eigentlich aus?

Das entscheidende bei der Idee von Integration und Inklusion im Schulsystem ist, dass alle Kinder und Jugendliche gemeinsam lernen, sich helfen und sich gegenseitig fördern. Die Integration an Schulen hat in den letzten Jahren gezeigt, dass guter gemeinsamer Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler lernwirksam und sozial förderlich ist. Bei der Integration werden Schüler mit besonderem Förderbedarf in die allgemeine Schule einbezogen. Dabei bezieht sich der Förderbedarf nicht nur auf Kinder und Jugendliche mit körperlicher oder geistiger Behinderung, sondern auch auf jene mit besonderem Förderbedarf beim Lernen oder mit einer chronischen Erkrankung. Somit sollen alle Menschen – unabhängig von Religion, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, besonderen Lernbedürfnissen sowie sozialen und ökonomischen Voraussetzungen – die gleiche qualitativ hochwertige Bildung erhalten. In der gesamten Bundesrepublik weisen ca. 500.000 Kinder und Jugendlichesonderpädagogischen Förderbedarf auf. Ungefähr ein Viertel davon besucht eine Regelschule. Zwischen den einzelnen Bundesländern bestehen dabei jedoch große Unterschiede.

Inklusion in Deutschland – eine bildungsstatistische Analyse / Prof. em. Dr. Klaus Klemm (PDF)

Die Konzepte Integration und Inklusion

Seit mehreren Jahrzehnten ist der Begriff „Integration“ fester Bestandteil der Pädagogik. „Integration“ bedeutet die Eingliederung in ein Ganzes. In den letzten Jahren wird der Begriff „Integration“ zudem im Zusammenhang mit der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gewählt.

In jüngerer Zeit werden die die Begriffe Integration und Inklusion teilweise synonym verwendet. Das liegt daran, dass das grundlegende Ziel von Integration und Inklusion als ähnlich angesehen wird, sich aber das Konzept unterscheidet. Bei der Inklusion werden die Unterschiede zwischen den Menschen als Normalität angesehen und es wird keine Unterteilung in Gruppen vorgenommen. In der Integration werden Unterschiede wahrgenommen und es wird versucht, das Getrennte wieder einzugliedern.

Der Begriff der „Inklusion“ kann jedoch den Begriff „Integration“ nicht ersetzen. Inklusion kann nämlich als Fortführung der Integration betrachtet werden und knüpft an integrative Handlungs-, Denk- und Organisationsstrukturen an. Inklusion ist auch kein Zustand, der das Ziel beschreibt. Es ist eher ein fortlaufender Prozess, an dem Familie, Spezialisten, Pädagogen etc. beteiligt sind. Ziel dieses Prozesses ist es, Hindernisse für gemeinsame Bildung und Erziehung aller Kinder und Jugendlichen zu erkennen und abzubauen.

Vorteile inklusiver Bildung

Es gibt unterschiedliche Gründe, die für inklusive Bildung sprechen – nämlich pädagogische, soziale und ökonomische.

Aus pädagogischer Sicht bringt inklusive Bildung den Vorteil mit sich, dass alle Lernenden gemeinsam unterrichtet, aber gleichzeitig jeder Einzelne nach seinen individuellen Bedarfen gefördert und gefordert wird. Somit kann qualitativ hochwertige Bildung mit der Berücksichtigung individueller Voraussetzungen und Lernentwicklungen verbunden werden. Davon können alle Lernenden profitieren. Durch inklusive Bildung werden außerdem Komponenten wie die kognitive Entwicklung des Lernenden und die Entwicklung von Werten, Einstellungen und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein gefördert.

Aus sozialer Sicht wird durch die gemeinsame Förderung Vielfalt – hinsichtlich sozialer Schichten, des Migrationshintergrunds, verschiedener Religionszugehörigkeiten, Hochbegabung, Lernschwächen – als alltäglich und normal erlebt. Aufgrund dieser weltoffenen Erziehung können Kinder und Jugendliche zu einer weniger diskriminierenden Gesellschaft verhelfen.

Aus ökonomischer Sicht kommt hinzu, dass die inklusive Förderung von Anfang an eine gute Bildung ermöglichen kann, die zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt führt und somit auch ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.

Wesentliche Ideen inklusiver Bildung

"Inklusion in Erziehung und Bildung bedeutet...

  • die gleiche Wertschätzung aller Schülerinnen und Schüler und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
  • die Steigerung der Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler an (und den Abbau ihres Ausschlusses von) Kultur, Unterrichtsgegenständen und Gemeinschaft ihrer Schule,
  • die Weiterentwicklung der Kulturen, Strukturen und Praktiken in Schulen, so dass sie besser auf die Vielfalt der Schülerinnen und Schüler ihres Umfeldes eingehen,
  • den Abbau von Barrieren für Lernen und Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler, nicht nur solcher mit Beeinträchtigungen oder solcher, denen besonderer Förderbedarf zugesprochen wird,
  • die Anregung durch Projekte, die Barrieren für Zugang und Teilhabe bestimmter Schülerinnen und Schüler überwinden und mit denen Veränderungen zum Wohl vieler Schülerinnen und Schüler bewirkt werden konnten,
  • die Sichtweise, dass Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern Chancen für das gemeinsame Lernen sind und nicht Probleme, die es zu überwinden gilt,
  • die Anerkennung, dass alle Schülerinnen und Schüler ein Recht auf wohnortnahe Bildung und Erziehung haben,
  • die Verbesserung von Schulen nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für alle anderen Beteiligten,
  • die Betonung der Bedeutung von Schulen dafür, Gemeinschaften aufzubauen, Werte zu entwickeln und Leistungen zu steigern,
  • den Auf- und Ausbau nachhaltiger Beziehungen zwischen Schulen und Gemeinden,
  • den Anspruch, dass Inklusion in Erziehung und Bildung ein Aspekt von Inklusion in der Gesellschaft ist.“

Quelle: Index für Inklusionn entwickelt von Tony Booth und Mel Ainscow (PDF)

 

Integrative und inklusive Bildung in Rheinland-Pfalz

Der Inklusionsanteil – also der Anteil der Schülerinnen und Schülern, die gemeinsam mit nicht behinderten Gleichaltrigen an Regelschulen unterrichtet werden, – liegt landesweit bei fast 25 Prozent (der Bundesdurchschnitt 2011/2012 lag bei 22,3 Prozent).

In Rheinland-Pfalz existiert eine differenzierte Struktur sonderpädagogischer Förderung für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Um dies zu realisieren, steht ein Netz von Schwerpunktschulen, inklusivem Unterricht an anderen Regelschulen und Förderschulen zur Verfügung.

Damit Schülerinnen und Schüler mit nicht behinderten Gleichaltrigen gemeinsam eine Regelschule besuchen können, wurden im Jahre 2004 die rechtlichen Grundlagen im Schulgesetz geschaffen. Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 wurden dann weitere Schritte in Richtung inklusiver Bildung vollzogen (Stand Inklusion und Bildung: Rheinland-Pfalz).

Im Januar 2013 hat der Ministerrat ein Landeskonzept für die Weiterentwicklung der Inklusion im schulischen Bereich beschlossen. Das Ziel ist die Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen im Bildungsbereich zu eröffnen. Damit verfolgt die Landesregierung die Ziele der ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention.

Folgende Schritte und Maßnahmen sind vorgesehen:

  • Verankerung eines vorbehaltlosen Wahlrechts für die Eltern von Kindern mit Behinderungen zwischen einem inklusiven Unterrichtsangebot an einer „Schwerpunktschule“ und einem auf die Behinderung abgestimmten Angebot in einer Förderschule im Schulgesetz
  • Zielgerichteter weiterer Ausbau des inklusiven Unterrichtsangebots
  • Weiterentwicklung von Förderschulen im Land zu „Förder- und Beratungszentren“
  • Verbesserung des Übergangs Schule-Beruf für Schülerinnen und Schüler mit 
sonderpädagogischem Förderbedarf durch eine verstärkte Kooperation zwischen Schwerpunktschulen, Förderschulen und berufsbildenden Schulen.
  • Verstärkte Beratung von Eltern über die ganze Bandbreite der schulischen Fördermöglichkeiten für Kinder mit Behinderungen sowohl in der klassischen Form von Broschüren und Informationsflyern als auch über das Internet.

Quelle: Inklusion in Schulen konsequent weiter vorantreiben, MBWWK Rheinland-Pfalz

Weitere Informationen: Weiterentwicklung der Inklusion im schulischen Bereich, Landeskonzept zur Weiterentwicklung der Inklusion im schulischen Bereich / MBWWK Rheinland-Pfalz (PDF)